In Deutschland und in weiten Teilen der Welt steigt die Zahl junger Menschen, bei denen Autismus ohne intellektuelle Beeinträchtigung diagnostiziert wird. Diese Teenager zeigen häufig starke kognitive und verbale Fähigkeiten, weshalb viele annehmen, dass sie sich mühelos ins Erwachsenenleben integrieren werden.
Doch die Forschung zeichnet ein anderes Bild: Immer mehr autistische Jugendliche haben Schwierigkeiten, nach der Schule unabhängig zu werden, eine Beschäftigung zu finden und adäquate Unterstützung zu erhalten.
Eine aktuelle Studie mit dem Titel Self-Determination in Autistic Transition-Aged Youth without Intellectual Disability von Tomaszewski, Klinger und Pugliese, veröffentlicht im Journal of Autism and Developmental Disorders, beschäftigte sich mit autistischen Teenagern ohne intellektuelle Beeinträchtigungen während des Übergangs von der Schule ins Erwachsenenalter. Trotz ihrer Fähigkeiten erreichen nur wenige von ihnen funktionale Unabhängigkeit oder eine Vollzeitbeschäftigung.
Unterstützungslücke nach dem Abschluss
Ein wesentlicher Grund dafür ist der drastische Rückgang verfügbarer Angebote, sobald die weiterführende Schule endet – ein Problem, das auch in Deutschland bekannt ist, wo viele Eltern ähnliche Frustrationen bei der Navigation durch Unterstützungssysteme nach dem Abschluss berichten.
Die Studie verglich, wie autistische Jugendliche und ihre Eltern die Selbstbestimmung – also die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, Ziele zu setzen und eigenständig zu handeln – einschätzen. Die Jugendlichen bewerteten ihre Fähigkeiten zu Hause höher, berichteten jedoch von weniger Möglichkeiten, diese Fertigkeiten in der Schule zu üben.
Here is the straight up reality…
– 1/3 of children on the autism spectrum are nonverbal and will never live independently.
– The other 2/3 face unemployment up to 85%.
– 87% of adults with autism live with their parents. pic.twitter.com/v6Oj9FGbiQ— 🅹︎🅄🅂🅃🄰🆈︎🄸🄽🅉🄴🅁 (@Just_a_yinzer) April 19, 2025
Die Eltern hingegen sahen mehr schulische Gelegenheiten, schätzten jedoch die Fähigkeiten ihrer Kinder niedriger ein. Diese Diskrepanz weist auf ein Missverhältnis in der Wahrnehmung der Bereitschaft zur Selbstständigkeit hin.
Psychische Gesundheit prägt die Unabhängigkeit
Die Forschenden stellten zudem fest, dass Probleme mit der exekutiven Funktion – wie Gedächtnis, Planung und Organisation – sowie depressive Symptome den Grad der Selbstbestimmung eines Jugendlichen stark beeinflussen. Diese Faktoren bleiben oft unbeachtet, insbesondere wenn die Jugendlichen das Bildungssystem verlassen.
Experten fordern daher gezieltere Unterstützung im Bereich psychische Gesundheit, Coaching zu Lebenskompetenzen und Anleitungen zur Zielplanung – Dienstleistungen, die in vielen deutschen Schulen und Jugendhilfeprogrammen erst in Ansätzen umgesetzt werden.
Ohne diese Unterstützung drohen autistische Teenager, gerade im Übergang ins Erwachsenenalter, unterzugehen. Die Studie unterstreicht den Bedarf an koordiniertem, individualisiertem Support, der über den Klassenraum hinauswirkt.